Griesheimer Anzeiger vom 24. April 2012 (Ganze Kerle) - ZwiebelBühne - TuS Griesheim 1899 e.V.

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Geschlechter-Gelächter in Travestie-Komödie
Premiere der TuS ZwiebelBühne im Zöllerhannes - "Ganze Kerle" auf der Bühne - Weitere Aufführungen im April und Mai

Am Freitagabend feierte die TuS-ZwiebelBühne mit ihrem neuen Stück "Ganze Kerle" Premiere im Zöllerhannes. Regisseurin Kerstin Halla hat damit eine mit Glanzrollen gespickte Travestie-Komödie auf die Bretter der Zwiebelbühne gestellt.

ZwiebelBühne - der Name ist Programm und Stil. Darin drückt sich nicht nur die Verwurzelung der Laienspielerschar in der Schlottenhochburg aus. Die Produktionen spiegeln etwas vom Wesen der Zwiebel: Scharfwürzige Pikanterie ist den Stücken nicht abzusprechen. Tränen treibend wirken sie auch, allerdings hängt das mit dauerhafter Strapazierung der Lachmuskulatur zusammen.

Besitzt die Ackerfrucht sieben Hüllen, so enthalten die Komödien mehrere Ebenen, auf denen sich das Zuschauervergnügen bewegt. Der Facettenreichtum des Humors von derbem Slapstick bis zum fein gesponnen Wortwitz entfaltet sich darin. Den verschiedenen Schichten entspricht auch die mögliche „Interpretationstiefe". Mit Blick auf die ZwiebelBühnen-Arbeiten er letzten Jahre bemerkt man, dass Kerstin Halla und ihre Truppe sich für Stücke entschieden haben, die die lustvoll rasanten Verwechslungs-, Missverständnis, Dreiecks- und Eifersuchtsgeschichten völlig den Zuschauererwartungen entsprechend in den Vordergrund stellen. Darüber hinaus eröffnete sich darin die weiterreichende Hintergrundperspektive auf psychologische Spielfelder gesellschaftlicher Mechanismen.

Ein offenes Geheimnis in der Damenwelt - zumindest auf der anderen Seite des Atlantiks - besagt, dass die macho-muskulösen Männer dem Berufsstand der Paketzusteller angehören, sie gelten als Inbegriff klassischer Männlichkeit.. Den entsprechenden Arbeitsplatz haben auch Paul (Jörg Seelbach), Georg (Bernd Martens), Manuel (Christian Zuckermann) und Siggi (Holger Leichtweiß) ohne diesem Ideal nur im entferntesten zu entsprechen. Alles andere als rosig nimmt sich ihre ganze Situation aus: Die Schließung des Lagers droht, Georgs Entlassung steht an und bei jedem hängt der private Haussegen schief.

Am schlimmsten schlägt das Schicksal den Chef (Dr. Claus Walther). Aus zufällig aufgeschnappten Telefongesprächsfetzen entnehmen die Mitarbeiter, dass seine Tochter an einer zur Erblindung führenden Krankheit leidet. Eine Operation verschlänge die Unsumme von zwanzigtausend Euro, die selbst ein Chef nicht so leicht aufbringen kann. Solidarität ist unter den Männern nicht nur Gewerkschaftsparole. Mitmenschlich gerührt beschließen die zu helfen, auch wenn der chronisch mürrisch-misstrauische und ablehnende Paul erst überzeugt werden muss. Außergewöhnliche Situationen erfordern originelle Handlungsweisen. Die Ideen kreisen um die Frage, wo bekommt man auf legalem Wege mit dem geringsten Arbeitsaufwand den größten Gewinn? No Business is like Showbusiness! Und je schriller, desto besser! Damit ist der Schlachtplan geboren: Männer an die Bühnenfront, kämpft mit den Waffen einer Frau! Ein Zeitungsbericht über den grandiosen Erfolg einer Travestieshow gab die Initialzündung zum Geistesblitz. Ein Mann, ein Wort, eine Tat. Gleich tags drauf legt die Truppe nach Dienstschluss mit Geheimproben zum eigenen Showprogramm los. High-Heels und haarige Haxen, Bierbauch in Samt-Drapperie, BH-Prallfüllung wahlweise mit Apfel oder alter Socke. Die Zuschauer schwelgen in unbeschreiblichen Bildern, werden verwöhnt mit grotesken, detailverliebten Szenen stilvoller Klamaukerie.

Ein vorzügliches Lob gilt denen, die den Adonis-Grazien zu ihrer Schönheit verhalfen: Sonja Tham mit der Schminkkunst und Marion Ehses mit der Flitter-Glamour-Fummel-Garderobe. Mit einem dicken Bravo-Ruf muss man den Hut ziehen vor der Choreographin Tina Sopp. Ganze Arbeit hat sie darin geleistet, das Bemühen um Eleganz und den femininen Bewegungsausdruck von den Männern darstellen zu lassen. Die Schauspieler haben im Einzelnen Gelegenheit, Ihre Genialität einmal mehr zu entfalten, jeder nutzt sie glänzend. Die Spielfreude verleiht ihnen Flügel, sich in die höchsten Gefilde der Muße aufzuschwingen! Mit Playback, Pumps und Paillettenkostüm werden neue Persönlichkeiten geboren. Dabei ist der Punkt erreicht, an dem das Vergnügen des Publikums eine weitere Dimension annehmen kann, wenn der Funke überspringt, der die Botschaft des Stückes enthält. Es ist eine Befreiung: Ausbrechen aus dem Gewohnten bedeutet Aufbrechen zu neuen Erfahrungen: Beim bewussten Spiel mit der Weiblichkeit durchleuchten die Männer ihre Innerlichkeit bis in den letzten Winkel.

"Ganze Kerle" werden weiterhin zu sehen sein in Aufführungen am 27. und 28. April, 4., 5., 11. und 12. Mai. (pee)

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